PISA · Analyse

Mehr Jungen ganz oben und ganz unten? Die Streuung der Geschlechter in PISA

In der Intelligenzforschung gilt als gut belegt, dass Männer im Mittel kaum anders abschneiden als Frauen, aber stärker streuen. Unter den Besten und unter den Schwächsten finden sich also mehr Männer. Gilt das auch für Schulleistungen? Wir haben die PISA-Mikrodaten aller Runden seit 2000 ausgewertet, für jedes Land einzeln.

· 7 Min. Lesezeit · PISA 2000–2025, Mikrodaten der OECD, eigene Auswertung

Die Frage ist alt. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde die These aufgestellt, Männer seien in vielen Merkmalen „variabler“ als Frauen. In der Intelligenzforschung heißt sie heute Greater Male Variability Hypothesis. Ein bekannter Beleg ist die schottische Erhebung von 1932, in der fast ein ganzer Geburtsjahrgang getestet wurde: Die Mittelwerte von Jungen und Mädchen lagen praktisch gleich, die Jungen streuten aber stärker. Sie waren unter den Höchst- und unter den Niedrigstwerten häufiger vertreten.

Für Schulleistungen haben das mehrere Studien mit PISA-Daten untersucht, etwa Machin und Pekkarinen (2008) und Baye und Monseur (2016). Andere Autoren wie Hyde und Mertz (2009) betonen dagegen, dass das Verhältnis von Land zu Land schwankt und deshalb kulturell geprägt sei. Wir haben nachgerechnet, mit allen Runden bis 2025 und mit getrennten Werten für jede Weltregion.

Fast ausnahmslos: Jungen streuen stärker

Das Ergebnis ist eindeutig. Über alle 95 Länder und Teilnehmerstaaten der Runden 2015 bis 2025 liegt das Varianzverhältnis in Mathematik bei 1,16, im Lesen bei 1,14 und in den Naturwissenschaften bei 1,15. Von 916 Kombinationen aus Land, Runde und Fach liegen 901 über 1. In Mathematik sind es 303 von 305.

Das ist auch über die Zeit stabil. In den 32 Ländern, die an allen neun Runden seit 2000 teilgenommen haben, bewegt sich das Mittel zwischen 1,12 und 1,22, ohne erkennbaren Trend.

Jungen streuen stärker – seit 25 Jahren

Varianzverhältnis Jungen/Mädchen, Mittel über 32 Länder, die in allen Runden dabei waren

MathematikLesenNaturwissenschaften

SD der Jungen im Verteilungs-Studio →
Werte als Tabelle
MathematikLesenNaturwissenschaften
20001,121,161,15
20031,161,201,14
20061,131,201,14
20091,121,181,15
20121,151,221,17
20151,141,141,16
20181,131,161,14
20221,221,151,18
20251,161,161,16
VR = Varianz der Jungen geteilt durch Varianz der Mädchen; 1 hieße gleiche Streuung. Mittel auf der Log-Skala; das Band ist der Standardfehler zwischen den Ländern (95 %). Quelle: OECD PISA 2000–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Die Größenordnung deckt sich mit dem, was die Intelligenzforschung berichtet: Varianzverhältnisse zwischen etwa 1,1 und 1,2. Bemerkenswert ist, dass der Befund in allen drei Fächern gilt, auch im Lesen, wo Mädchen im Mittel weit vorne liegen.

Was das an der Spitze bedeutet

Ein Unterschied von 8 % in der Standardabweichung klingt klein. An den Rändern einer Verteilung wirkt er sich aber stark aus. In Mathematik landen Jungen im Mittel aller Länder 2,0-mal so oft im besten Prozent ihres Landes wie Mädchen und 1,5-mal so oft in den besten 5 %.

Wie viele Jungen auf ein Mädchen an den Rändern?

Verhältnis der Anteile Jungen/Mädchen unter P5 bzw. über P95 und P99 des eigenen Landes, Mittel aller Länder 2015–2025

MathematikLesenNaturwissenschaften

Jungen und Mädchen im Verteilungs-Studio →
Werte als Tabelle
Mathematik (×)Lesen (×)Naturwissenschaften (×)
untere 5 %1,092,391,32
obere 5 %1,520,671,24
oberes 1 %1,960,641,49
1 = Jungen und Mädchen gleich häufig (gestrichelt). 2 heißt: Ein Junge landet doppelt so oft in dieser Zone wie ein Mädchen. Die Ränder mischen zwei Effekte: den Mittelwertunterschied (im Lesen liegen Mädchen weit vorn) und die größere Streuung der Jungen. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Allerdings ist hier nicht nur die Streuung am Werk, sondern auch der Mittelwert. In Mathematik liegen Jungen im Schnitt nur 5 Punkte vorn, daher fällt der Überhang am unteren Rand mit 1,09 gering aus. Im Lesen liegen Mädchen dagegen 28 Punkte vorn. Dort überwiegt der Mittelwerteffekt: Unter den schwächsten 5 % sind Jungen 2,4-mal so häufig, im besten Prozent dagegen seltener als Mädchen (0,64). Die größere Streuung der Jungen verringert ihren Rückstand an der Spitze nur, sie kehrt ihn nicht um.

In Mathematik, wo die Mittelwerte nahe beieinander liegen, zeigt sich der Unterschied vor allem oben: doppelt so viele Jungen im besten Prozent, aber kaum mehr Jungen unter den schwächsten 5 %.

Wie groß der Mittelwertunterschied in einem Land ist, sagt übrigens nichts über das Varianzverhältnis. Die Korrelation zwischen beiden liegt über alle Länder bei 0,01.

Regionale Unterschiede: klein, mit wenigen Ausreißern

Wo ist der Unterschied größer, wo kleiner? Ordnet man die Länder nach Weltregionen, liegen die Mittel in Mathematik zwischen 1,13 in Lateinamerika und 1,21 in Ostasien. Westeuropa kommt auf 1,14, Nordeuropa und das Baltikum auf 1,18, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland auf 1,18.

Mathematik: Varianzverhältnis nach Weltregion

Mittel der Länder 2015–2025, in Klammern Zahl der Länder, mit 95-%-Intervall

Alle Länder im Verteilungs-Studio →
Werte als Tabelle
Wert (VR)95-%-IntervallSchüler
Türkei1,121,06 – 1,17–
Lateinamerika und Karibik (16)1,131,12 – 1,15–
Westeuropa (9)1,141,12 – 1,17–
Ostmitteleuropa (6)1,141,11 – 1,18–
Südosteuropa (9)1,151,13 – 1,18–
Südostasien (8)1,151,11 – 1,19–
Arabische Welt (9)1,161,07 – 1,25–
Nordeuropa und Baltikum (8)1,181,16 – 1,20–
USA, Kanada, Australien, Neuseeland (4)1,181,16 – 1,20–
Südeuropa (5)1,191,16 – 1,22–
Ehemalige Sowjetunion (9)1,191,15 – 1,23–
Ostasien (6)1,211,19 – 1,24–
Israel1,371,30 – 1,45–
Alle Länder (95)1,161,15 – 1,18–
Intervall = Streuung zwischen den Ländern der Region (Israel, Türkei: Stichprobenfehler). Lesen und Naturwissenschaften in der Tabelle unten. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Das Bild ist in allen drei Fächern ähnlich. Ostasien liegt überall bei 1,21, Lateinamerika hat im Lesen mit 1,09 den niedrigsten Wert. Die Unterschiede zwischen den Regionen sind aber klein im Vergleich zum Grundbefund: Keine Region kommt auch nur in die Nähe von 1.

Alle drei Fächer nach Region

Varianzverhältnis Jungen/Mädchen, Länder 2015–2025 gemittelt

RegionLänderMatheLesenNaturw.Mathe: Jungen je Mädchen im besten 1 %
Türkei11,121,161,161,83
Lateinamerika und Karibik161,131,091,122,06
Ostmitteleuropa61,141,151,142,14
Westeuropa91,141,141,142,42
Südostasien81,151,121,121,48
Südosteuropa91,151,121,131,79
Arabische Welt91,161,141,121,47
Nordeuropa und Baltikum81,181,161,171,90
USA, Kanada, Australien, Neuseeland41,181,161,182,19
Südeuropa51,191,161,162,30
Ehemalige Sowjetunion91,191,171,161,94
Ostasien61,211,211,212,04
Israel11,371,351,353,36
Alle Länder951,161,141,151,96
Alle Länder im Verteilungs-Studio →
Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Auch einzelne Länder unterscheiden sich weniger, als man bei einer rein kulturellen Erklärung erwarten würde. Selbst über vier Runden gemittelt ist das Varianzverhältnis eines Landes nur auf etwa ±5 % genau bestimmt (95-%-Intervall). Rechnet man diesen Stichprobenfehler heraus, unterscheiden sich die Länder tatsächlich nur um rund 4 % (Standardabweichung) voneinander.

Die Ränder der Länderliste

Es gibt dennoch Länder, die klar herausfallen. Am oberen Ende stehen die Vereinigten Arabischen Emirate (1,38), Israel (1,37) und Katar (1,34). Am unteren Ende liegen Indonesien, Palästinensische Gebiete, Ungarn. In Indonesien liegt das Varianzverhältnis mit 1,03 fast bei 1.

Mathematik: die Ränder der Länderliste

Varianzverhältnis Jungen/Mädchen, 2015–2025 gemittelt, mit 95-%-Konfidenzintervall

Golfstaaten und IsraelDeutschlandübrige Länder

Verteilungen im Verteilungs-Studio →
Werte als Tabelle
Wert (VR)95-%-IntervallSchüler
Vereinigte Arabische Emirate1,381,33 – 1,4392.683
Israel1,371,30 – 1,4526.802
Katar1,341,29 – 1,4040.261
Südkorea1,251,18 – 1,3325.544
Taiwan1,231,16 – 1,2928.087
Saudi-Arabien1,231,14 – 1,3320.336
Norwegen1,231,18 – 1,2824.349
Malta1,231,17 – 1,3013.804
Hongkong (China)1,221,16 – 1,2823.748
Brunei1,221,18 – 1,2718.134
Finnland1,211,16 – 1,2629.438
Frankreich1,191,14 – 1,2425.687
Österreich1,181,12 – 1,2426.947
Vereinigte Staaten1,181,12 – 1,2419.720
Japan1,181,11 – 1,2425.070
Vereinigtes Königreich1,131,08 – 1,1856.493
Libanon1,111,05 – 1,1717.542
Deutschland1,111,06 – 1,1524.730
Schweiz1,111,07 – 1,1626.108
Nordmazedonien1,101,05 – 1,1424.480
Guatemala1,101,04 – 1,1712.204
Ungarn1,091,04 – 1,1523.375
Slowakei1,091,04 – 1,1524.821
Russland1,091,02 – 1,1713.644
Indonesien1,030,98 – 1,0846.218
Palästinensische Gebiete1,030,95 – 1,1217.552
Die acht niedrigsten und zehn höchsten Werte (Länder mit mindestens zwei Runden) sowie ausgewählte Vergleichsländer. Standardfehler per Replikatgewichten und Plausible Values. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Bei den Golfstaaten ist ein Teil des Effekts eine Frage der Zusammensetzung. Dort lernen viele Kinder von Zuwanderern, oft in anderen Schulen als die Einheimischen, und Jungen und Mädchen werden meist getrennt unterrichtet. Nimmt man nur Schüler ohne Migrationshintergrund, sinkt das Varianzverhältnis in Katar von 1,34 auf 1,20 und in den Emiraten von 1,38 auf 1,27. Es bleibt aber über dem Weltmittel.

Liegt es an der Zuwanderung?

Mathematik, 2015–2025 gemittelt: alle Schüler und nur Schüler ohne Migrationshintergrund

LandVR alleVR ohne Migr.Mittel Jungen − MädchenJungen je Mädchen im besten 1 %
Vereinigte Arabische Emirate1,381,27−52,51
Katar1,341,20−101,99
Israel1,371,32+33,36
Saudi-Arabien1,231,23−11,94
Japan1,181,10+122,15
Österreich1,181,21+213,46
Schweden1,171,20±01,72
Schweiz1,111,13+112,08
Deutschland1,111,11+122,18
Mit und ohne Migrationshintergrund im Studio →
Ohne Migrationshintergrund = mindestens ein Elternteil im Testland geboren (OECD-Index IMMIG). Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

In Israel ändert die Einschränkung auf Einheimische wenig (1,37 → 1,32). Dort spielt die Migration also kaum eine Rolle. Das hohe Verhältnis zieht sich durch alle Fächer, im Lesen liegt es bei 1,35, und im besten Prozent sind Jungen in Mathematik 3,4-mal so häufig wie Mädchen. Eine mögliche Erklärung ist das stark geteilte Schulsystem mit hebräisch- und arabischsprachigen, säkularen, religiösen und ultraorthodoxen Schulen, in denen Jungen und Mädchen teils sehr unterschiedlich unterrichtet werden. Das haben wir hier nicht getrennt geprüft.

Für niedrige Werte gibt es eine methodische Erklärung, die zumindest für ärmere Länder wie Indonesien infrage kommt: Dort geht ein Teil der 15-Jährigen nicht mehr zur Schule und wird gar nicht getestet. Brechen mehr Jungen als Mädchen die Schule ab, fehlt ausgerechnet der untere Rand der Jungen, und das Varianzverhältnis wird gedrückt. Für Ungarn oder die Slowakei trifft das nicht zu.

Deutschland

Deutschland liegt mit 1,11 (±0,04) im unteren Bereich, gleichauf mit den Niederlanden (1,11) und der Schweiz (1,11). Österreich, mit einem ähnlich früh gegliederten Schulsystem, kommt dagegen auf 1,18. Das spricht gegen eine einfache Erklärung über die frühe Aufteilung auf Schulformen.

2025 lag die Standardabweichung in Mathematik bei den Jungen bei 101 Punkten, bei den Mädchen bei 96. Weil die Jungen in Deutschland zusätzlich im Mittel 12 Punkte vorn liegen, sind sie im besten Prozent trotzdem 2,2-mal so häufig vertreten wie Mädchen. In Österreich, mit einem Mittelwertvorsprung von 21 Punkten, ist es sogar das 3,5-Fache.

Deutschland, Mathematik

Standardabweichung, Varianzverhältnis und Spitze je PISA-Runde

JahrSD JungenSD MädchenVRMittel Jungen − MädchenJungen je Mädchen im besten 1 %
20001031021,02+153,65
2003105991,12+92,71
2006100971,07+202,79
2009100961,07+162,83
201298941,10+142,42
201590881,05+172,24
201898921,13+72,25
202298911,15+112,17
2025101961,10+112,05
Deutschland im Verteilungs-Studio →
Einzelne Runden schwanken stark: Ab 2015 liegt der Standardfehler des VR bei etwa ±0,08. 2000 war Mathematik nur Nebenfach. Quelle: OECD PISA 2000–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Was die Daten nicht zeigen können

  • PISA ist kein Intelligenztest. Gemessen werden Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften bei 15-Jährigen. Unterricht, Motivation und Testverhalten fließen mit ein. Dass sich das Muster aus der IQ-Forschung trotzdem so deutlich zeigt, ist ein Befund, kein Beweis für dieselbe Ursache.
  • Nur Schüler werden getestet. Wer mit 15 nicht mehr zur Schule geht oder eine Förderschule besucht, fehlt oft in der Stichprobe. Das betrifft eher den unteren Rand und eher Jungen, drückt also das Varianzverhältnis. Der wahre Wert dürfte eher etwas höher liegen.
  • Ursachen bleiben offen. Die Daten zeigen, dass Jungen fast überall stärker streuen, nicht warum. Biologische Erklärungen und Erklärungen über Schule, Erwartungen und Rollenbilder machen teils ähnliche Vorhersagen. Dass sich die Länder trotz sehr unterschiedlicher Kulturen und Schulsysteme so wenig unterscheiden, spricht für einen Faktor, der überall ähnlich wirkt, ohne zu klären, welcher das ist.
  • Die Ränder sind unsicher. Die Zahlen zum besten Prozent beruhen je Land und Runde auf wenigen Dutzend Schülern. Belastbar sind vor allem die Mittel über viele Länder.

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