PISA · Analyse
Aschkenasische Juden an der Leistungsspitze? Was die PISA-Daten zeigen
Aschkenasische Juden gelten oft als besonders stark vertreten unter Spitzenleistern. PISA erfasst keine Religion und keine Abstammung. Israel weist aber aus, wo die Eltern der Schüler geboren wurden. Damit lässt sich eine Näherung bilden, auch für das beste Prozent, und mit Deutschland und Ostasien vergleichen.
Unter Nobelpreisträgern, Schachgroßmeistern und Mathematikern sind Menschen jüdischer, vor allem aschkenasischer Herkunft auffallend häufig. In der Forschungsliteratur werden für aschkenasische Juden zudem überdurchschnittliche Ergebnisse in Intelligenztests berichtet. Warum das so ist, ist umstritten. Genannt werden Bildungstraditionen, städtische Berufsstrukturen über Jahrhunderte, Auslese und genetische Faktoren.
Schulleistungsstudien wie PISA können diese Frage nicht direkt beantworten. Sie fragen weder nach Religion noch nach Abstammung. Es gibt aber einen Umweg: Israel nimmt seit Jahren an PISA teil und erfasst, in welchem Land die Eltern der Schüler geboren wurden. Wessen Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus den USA nach Israel eingewandert sind, stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus einer aschkenasischen Familie. Das ist keine exakte Zuordnung, aber die beste Näherung, die die Daten hergeben.
Im Durchschnitt: kaum ein Unterschied
Die wichtigste Vergleichsgruppe sind Schüler, deren Eltern beide in Israel geboren sind. Sie erreichen in Mathematik im Mittel 490 Punkte. Die größte Proxy-Gruppe, Kinder von Eltern aus der ehemaligen UdSSR (rund 10 % der hebräischsprachigen Schüler), liegt mit 492 Punkten praktisch gleichauf. Der Unterschied von 3 Punkten liegt im Rahmen der statistischen Unsicherheit.
Schüler mit Eltern aus den USA schneiden mit 509 Punkten besser ab. Mit Eltern aus Frankreich sind es 464 Punkte, also 25 Punkte weniger als die Vergleichsgruppe. Deutlich darunter liegen Kinder äthiopischer Eltern mit 394 Punkten und die arabischsprachigen Schüler mit 377 Punkten.
Israel: Mathematik nach Herkunft der Eltern
Hebräischsprachige Schüler, Mittelwert 2015–2025 mit 95-%-Konfidenzintervall
Aschkenasen-Proxy (UdSSR, USA)übrige Gruppen
Im Diagramm-Studio öffnen →Werte als Tabelle
| Wert (Punkte) | 95-%-Intervall | Schüler | |
|---|---|---|---|
| Beide Eltern in Israel geboren | 490,0 | 486,4 – 493,6 | 12.811 |
| Eltern aus der ehem. UdSSR | 492,0 | 486,1 – 498,0 | 2.083 |
| Eltern aus den USA | 508,9 | 497,7 – 520,1 | 557 |
| Eltern aus Lateinamerika | 498,7 | 485,1 – 512,3 | 254 |
| Eltern aus Frankreich | 463,9 | 450,9 – 477,0 | 354 |
| Eltern aus anderen Ländern | 465,1 | 459,3 – 470,8 | 1.940 |
| Eltern aus Äthiopien | 394,2 | 382,1 – 406,4 | 561 |
| Alle hebräischsprachigen Schüler | 478,8 | 475,2 – 482,5 | 20.467 |
| Alle arabischsprachigen Schüler | 377,0 | 370,7 – 383,3 | 6.335 |
Ein Teil dieser Unterschiede hängt am Elternhaus. Eingewanderte Eltern aus den USA sind im Schnitt besser ausgebildet und besser gestellt als der Durchschnitt, Einwanderer aus Äthiopien deutlich schlechter. Rechnet man Bildung, Beruf und Besitz der Eltern heraus, schrumpft der Vorsprung der USA-Gruppe von 20 auf 9 Punkte. Der Rückstand der äthiopischen Gruppe halbiert sich von 95 auf 44 Punkte. Bei der UdSSR-Gruppe wächst der Abstand dagegen: Bei gleichem Sozialstatus liegt sie 9 Punkte vorn, weil ihre Familien im Schnitt etwas schlechter gestellt sind als die Vergleichsgruppe.
Alle drei Fächer und der Einfluss des Elternhauses
Hebräischsprachige Schüler in Israel, 2015–2025 gemittelt
| Eltern geboren in … | Schüler | Anteil % | Mathe | Lesen | Naturw. | Abstand Mathe roh | … bei gleichem Sozialstatus |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Beide Eltern in Israel geboren | 12.811 | 62 | 490 | 509 | 493 | – | – |
| Eltern aus der ehem. UdSSR | 2.083 | 10 | 492 | 501 | 500 | +3 | +9 |
| Eltern aus den USA | 557 | 3 | 509 | 505 | 504 | +20 | +9 |
| Eltern aus Lateinamerika | 254 | 1 | 499 | 522 | 515 | +9 | +5 |
| Eltern aus Frankreich | 354 | 2 | 464 | 458 | 451 | −25 | −26 |
| Eltern aus anderen Ländern | 1.940 | 10 | 465 | 477 | 467 | −24 | −16 |
| Eltern aus Äthiopien | 561 | 3 | 394 | 417 | 408 | −95 | −44 |
Beim Lesen verschwindet der kleine Vorsprung der Proxy-Gruppen ganz, beide liegen dort leicht unter der Vergleichsgruppe. Das passt dazu, dass in vielen dieser Familien zu Hause Russisch oder Englisch gesprochen wird.
An der Spitze: das beste Prozent
Durchschnittswerte sagen wenig darüber, wie viele Schüler ganz oben ankommen. Deshalb haben wir für jede Gruppe gezählt, welcher Anteil zu den besten 5 % und zum besten 1 % aller hebräischsprachigen Schüler gehört. Eine Gruppe ohne Besonderheiten hätte genau 5 % bzw. 1 % in diesen Zonen.
Wer schafft es in die Spitze?
Anteil jeder Gruppe über dem 95. und 99. Perzentil aller hebräischsprachigen Schüler, Mathematik
in den besten 5 %im besten 1 %
Israels Verteilung im Verteilungs-Studio →Werte als Tabelle
| in den besten 5 % (%) | im besten 1 % (%) | |
|---|---|---|
| Beide Eltern in Israel geboren | 5,7 | 1,2 |
| Eltern aus der ehem. UdSSR | 5,8 | 1,3 |
| Eltern aus den USA | 9,8 | 2,0 |
| Eltern aus Lateinamerika | 6,6 | 1,2 |
| Eltern aus Frankreich | 2,1 | 0,2 |
| Eltern aus anderen Ländern | 3,5 | 0,5 |
| Eltern aus Äthiopien | 0,2 | 0,1 |
Die UdSSR-Gruppe zeigt keinen Überschuss an der Spitze: 1,3 % ihrer Schüler gehören zum besten Prozent, bei der Vergleichsgruppe mit Eltern aus Israel sind es 1,2 %. Ein anderes Bild zeigt die USA-Gruppe. Von ihr schaffen es 9,8 % unter die besten 5 % und 2,0 % ins beste Prozent, jeweils etwa doppelt so viele wie erwartet. Die Gruppe ist mit 557 Schülern aus vier Runden allerdings klein, die Unsicherheit entsprechend groß. Die Gruppe mit Eltern aus Frankreich ist an der Spitze kaum vertreten (0,2 %).
Im Vergleich mit anderen Ländern
Wie hoch liegt die Spitze absolut? Ein gebräuchliches Maß ist das 99. Perzentil: der Punktwert, den nur das beste Prozent der Schüler übertrifft. Bei den Schülern mit Eltern aus den USA liegt er bei 722 Punkten. Das klingt hoch, bedeutet im internationalen Vergleich aber Mittelfeld der starken Länder, etwa auf dem Niveau der Schweiz (724). Das 95-%-Intervall reicht wegen der kleinen Gruppe von 691 bis 753 Punkten.
Das beste Prozent im Vergleich
99. Perzentil in Mathematik, 2015–2025 gemittelt, mit 95-%-Konfidenzintervall
Gruppen in Israel (hebräischsprachig)Deutschland, beide Eltern in DEU geborenLänder gesamt
P99 im Verteilungs-Studio (2025) →Werte als Tabelle
| Wert (Punkte) | 95-%-Intervall | Schüler | |
|---|---|---|---|
| China (4 Provinzen) | 793,4 | 786,7 – 800,1 | 34.284 |
| Singapur | 774,2 | 768,8 – 779,6 | 25.948 |
| Taiwan | 767,6 | 757,9 – 777,3 | 28.087 |
| Südkorea | 752,9 | 744,2 – 761,7 | 25.544 |
| Hongkong | 752,1 | 744,9 – 759,3 | 23.748 |
| Macau | 745,0 | 739,6 – 750,4 | 17.588 |
| Japan | 732,2 | 724,6 – 739,8 | 25.070 |
| Schweiz | 723,9 | 716,6 – 731,2 | 26.108 |
| Israel: Eltern aus den USA | 722,2 | 690,9 – 753,4 | 557 |
| Kanada | 712,6 | 707,6 – 717,7 | 90.385 |
| Vereinigtes Königreich | 710,9 | 704,6 – 717,2 | 56.493 |
| Deutschland, beide Eltern in DEU geb. | 707,9 | 701,2 – 714,7 | 13.463 |
| Niederlande | 707,9 | 702,6 – 713,1 | 21.832 |
| Estland | 706,7 | 701,2 – 712,3 | 23.599 |
| Israel: Eltern aus der ehem. UdSSR | 705,0 | 683,9 – 726,1 | 2.083 |
| Polen | 703,1 | 695,7 – 710,4 | 23.217 |
| Israel: beide Eltern in Israel geb. | 701,1 | 691,7 – 710,5 | 12.811 |
| Deutschland gesamt | 696,0 | 690,7 – 701,2 | 24.730 |
| Israel gesamt | 688,2 | 680,4 – 696,1 | 26.802 |
| USA | 685,0 | 671,2 – 698,8 | 19.725 |
| Frankreich | 678,1 | 673,4 – 682,8 | 25.687 |
| Vietnam | 677,5 | 662,8 – 692,1 | 19.262 |
| Israel: Eltern aus Frankreich | 666,2 | 613,6 – 718,9 | 354 |
Die größere UdSSR-Gruppe erreicht beim 99. Perzentil 705 Punkte, Schüler mit zwei in Israel geborenen Eltern 701. Beides liegt auf der Höhe deutscher Schüler mit zwei in Deutschland geborenen Eltern (708) und Polens (703). Klar darüber liegt Ostasien: Japan erreicht 732, Singapur 774 und die vier chinesischen Teilnehmerprovinzen 793 Punkte. Das sind 85 Punkte mehr als in Deutschland (beide Eltern in DEU geboren). Die USA als Land kommen auf 685.
Das beste Prozent der aschkenasisch geprägten Einwandererfamilien in Israel liegt auf dem Niveau Mitteleuropas. Der Abstand zu Ostasien ist an der Spitze viel größer als der Unterschied zwischen diesen Familien und ihren in Israel geborenen Mitschülern.
Und Deutschland? Die Spitze bröckelt
Der Vergleich wirft eine zweite Frage auf: Wo stand Deutschland früher? Bei Schülern mit zwei in Deutschland geborenen Eltern lag das 99. Perzentil 2012 bei 727 Punkten, damals knapp unter dem Wert, den Japan im Mittel der letzten zehn Jahre erreicht (732). 2025 waren es noch 699. Das sind 28 Punkte weniger. Die Mitte der Gruppe (Median) fiel im selben Zeitraum um 34 Punkte. Die Spitze bricht also ähnlich stark ein wie der Durchschnitt; sie liegt heute sogar unter dem Wert von 2000 (707).
Deutschland: die Spitze seit 2000
99. Perzentil in Mathematik je PISA-Runde, mit 95-%-Konfidenzband
beide Eltern in Deutschland geborenalle Schüler
Verlauf im Verteilungs-Studio →Werte als Tabelle
| beide Eltern in Deutschland geboren | alle Schüler | |
|---|---|---|
| 2000 | 706,8 | 703,1 |
| 2003 | 718,9 | 711,0 |
| 2006 | 721,8 | 716,8 |
| 2009 | 726,1 | 718,9 |
| 2012 | 727,2 | 716,7 |
| 2015 | 712,4 | 703,4 |
| 2018 | 712,1 | 701,7 |
| 2022 | 706,2 | 688,8 |
| 2025 | 698,7 | 682,6 |
Über alle Schüler fiel das 99. Perzentil von 717 auf 683 Punkte, also um 34. Der Rückgang betrifft damit nicht nur die Zusammensetzung der Schülerschaft: Auch Kinder mit zwei in Deutschland geborenen Eltern erreichen die früheren Spitzenwerte nicht mehr.
Mitte und Spitze in Deutschland
Median (P50) und 99. Perzentil, Mathematik
| Jahr | Alle: P50 | Alle: P99 | Beide Eltern DEU: P50 | Beide Eltern DEU: P99 | Anteil der Gruppe % |
|---|---|---|---|---|---|
| 2000 | 497 | 703 | 515 | 707 | 74 |
| 2003 | 509 | 711 | 531 | 719 | 71 |
| 2006 | 505 | 717 | 521 | 722 | 74 |
| 2009 | 517 | 719 | 534 | 726 | 66 |
| 2012 | 516 | 717 | 536 | 727 | 61 |
| 2015 | 508 | 703 | 527 | 712 | 62 |
| 2018 | 504 | 702 | 530 | 712 | 55 |
| 2022 | 474 | 689 | 502 | 706 | 53 |
| 2025 | 462 | 683 | 502 | 699 | 45 |
Religiöse und ultraorthodoxe Schulen
Für 2025 lassen sich die hebräischsprachigen Schulen erstmals nach Schultyp trennen. Ultraorthodoxe Schulen, deren Schüler mehrheitlich aus aschkenasischen Familien stammen, liegen in Mathematik mit 443 Punkten unter den säkularen Schulen (454), im Lesen dagegen mit 480 Punkten vorn. Das passt zu einem Lehrplan, der auf Textstudium setzt und weltliche Fächer wie Mathematik weniger betont. Jungen dieser Schulen sind in der PISA-Stichprobe allerdings stark unterrepräsentiert, der Wert beruht vor allem auf Mädchenschulen.
Israel 2025 nach Schultyp
Hebräischsprachige Schulen, Mittelwerte
| Schultyp | Schüler | Mathe | Lesen | Naturw. |
|---|---|---|---|---|
| staatlich-säkular | 3.450 | 454 | 452 | 464 |
| staatlich-religiös | 1.353 | 458 | 459 | 461 |
| ultraorthodox | 958 | 443 | 480 | 450 |
Was die Daten nicht zeigen können
Die Auswertung hat klare Grenzen, und sie sind wichtig für die Einordnung:
- Die Vergleichsgruppe ist selbst gemischt. Rund 62 % der hebräischsprachigen Schüler haben zwei in Israel geborene Eltern. Darunter sind aschkenasische, orientalisch-jüdische (Mizrachim) und gemischte Familien. PISA fragt nicht nach den Großeltern, ein direkter Vergleich von Aschkenasen und Mizrachim ist daher nicht möglich.
- Einwanderer sind eine Auswahl. Wer aus den USA nach Israel zieht, ist oft religiös motiviert und gut ausgebildet. Die Einwanderung aus der Sowjetunion in den 1990er-Jahren war ebenfalls überdurchschnittlich gebildet. Unter ihr waren auch nicht-jüdische Angehörige sowie Juden aus Buchara und dem Kaukasus, die nicht aschkenasisch sind.
- Kleine Gruppen. Die Gruppen USA, Frankreich und Lateinamerika umfassen pro Runde nur 50 bis 160 Schüler. Einzelne Runden schwanken stark; erst das Mittel über vier Runden ist halbwegs belastbar.
- Juden außerhalb Israels fehlen. Rund 40 % aller Juden leben in den USA, viele weitere in Frankreich, Großbritannien, Kanada oder Argentinien. Dort lassen sie sich in PISA nicht erkennen.
- PISA ist kein Intelligenztest. Gemessen werden die Fähigkeiten von 15-Jährigen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Schule, Sprache und Motivation spielen dabei mit hinein.
Selbst nachsehen
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- Diagramm-Studio: Israel und andere Länder nach Herkunft der Eltern, Familiensprache und Migrationsstatus
- Verteilungs-Studio: Perzentile und Spitzenwerte aller Länder und Runden
- Einflussfaktoren: warum Deutschland bei PISA gefallen ist