PISA · Analyse

Aschkenasische Juden an der Leistungsspitze? Was die PISA-Daten zeigen

Aschkenasische Juden gelten oft als besonders stark vertreten unter Spitzenleistern. PISA erfasst keine Religion und keine Abstammung. Israel weist aber aus, wo die Eltern der Schüler geboren wurden. Damit lässt sich eine Näherung bilden, auch für das beste Prozent, und mit Deutschland und Ostasien vergleichen.

· 7 Min. Lesezeit · PISA 2000–2025, Mikrodaten der OECD, eigene Auswertung

Unter Nobelpreisträgern, Schachgroßmeistern und Mathematikern sind Menschen jüdischer, vor allem aschkenasischer Herkunft auffallend häufig. In der Forschungsliteratur werden für aschkenasische Juden zudem überdurchschnittliche Ergebnisse in Intelligenztests berichtet. Warum das so ist, ist umstritten. Genannt werden Bildungstraditionen, städtische Berufsstrukturen über Jahrhunderte, Auslese und genetische Faktoren.

Schulleistungsstudien wie PISA können diese Frage nicht direkt beantworten. Sie fragen weder nach Religion noch nach Abstammung. Es gibt aber einen Umweg: Israel nimmt seit Jahren an PISA teil und erfasst, in welchem Land die Eltern der Schüler geboren wurden. Wessen Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus den USA nach Israel eingewandert sind, stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus einer aschkenasischen Familie. Das ist keine exakte Zuordnung, aber die beste Näherung, die die Daten hergeben.

Im Durchschnitt: kaum ein Unterschied

Die wichtigste Vergleichsgruppe sind Schüler, deren Eltern beide in Israel geboren sind. Sie erreichen in Mathematik im Mittel 490 Punkte. Die größte Proxy-Gruppe, Kinder von Eltern aus der ehemaligen UdSSR (rund 10 % der hebräischsprachigen Schüler), liegt mit 492 Punkten praktisch gleichauf. Der Unterschied von 3 Punkten liegt im Rahmen der statistischen Unsicherheit.

Schüler mit Eltern aus den USA schneiden mit 509 Punkten besser ab. Mit Eltern aus Frankreich sind es 464 Punkte, also 25 Punkte weniger als die Vergleichsgruppe. Deutlich darunter liegen Kinder äthiopischer Eltern mit 394 Punkten und die arabischsprachigen Schüler mit 377 Punkten.

Israel: Mathematik nach Herkunft der Eltern

Hebräischsprachige Schüler, Mittelwert 2015–2025 mit 95-%-Konfidenzintervall

Aschkenasen-Proxy (UdSSR, USA)übrige Gruppen

Im Diagramm-Studio öffnen →
Werte als Tabelle
Wert (Punkte)95-%-IntervallSchüler
Beide Eltern in Israel geboren490,0486,4 – 493,612.811
Eltern aus der ehem. UdSSR492,0486,1 – 498,02.083
Eltern aus den USA508,9497,7 – 520,1557
Eltern aus Lateinamerika498,7485,1 – 512,3254
Eltern aus Frankreich463,9450,9 – 477,0354
Eltern aus anderen Ländern465,1459,3 – 470,81.940
Eltern aus Äthiopien394,2382,1 – 406,4561
Alle hebräischsprachigen Schüler478,8475,2 – 482,520.467
Alle arabischsprachigen Schüler377,0370,7 – 383,36.335
Herkunftsgruppe: mindestens ein Elternteil im genannten Land geboren, der andere dort oder in Israel. Im Diagramm-Studio: Schüler mit beiden Eltern aus dem jeweiligen Land, verglichen mit allen Einheimischen Israels (inkl. arabischsprachiger Schüler) — daher etwas andere Werte. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Ein Teil dieser Unterschiede hängt am Elternhaus. Eingewanderte Eltern aus den USA sind im Schnitt besser ausgebildet und besser gestellt als der Durchschnitt, Einwanderer aus Äthiopien deutlich schlechter. Rechnet man Bildung, Beruf und Besitz der Eltern heraus, schrumpft der Vorsprung der USA-Gruppe von 20 auf 9 Punkte. Der Rückstand der äthiopischen Gruppe halbiert sich von 95 auf 44 Punkte. Bei der UdSSR-Gruppe wächst der Abstand dagegen: Bei gleichem Sozialstatus liegt sie 9 Punkte vorn, weil ihre Familien im Schnitt etwas schlechter gestellt sind als die Vergleichsgruppe.

Alle drei Fächer und der Einfluss des Elternhauses

Hebräischsprachige Schüler in Israel, 2015–2025 gemittelt

Eltern geboren in …SchülerAnteil %MatheLesenNaturw.Abstand Mathe roh… bei gleichem Sozialstatus
Beide Eltern in Israel geboren12.81162490509493––
Eltern aus der ehem. UdSSR2.08310492501500+3+9
Eltern aus den USA5573509505504+20+9
Eltern aus Lateinamerika2541499522515+9+5
Eltern aus Frankreich3542464458451−25−26
Eltern aus anderen Ländern1.94010465477467−24−16
Eltern aus Äthiopien5613394417408−95−44
Abstände im Diagramm-Studio →
Abstand = Unterschied zu „beide Eltern in Israel geboren“ in Mathematik. „Bei gleichem Sozialstatus“ rechnet Bildung, Beruf und Besitz der Eltern (OECD-Index ESCS) heraus. Anteil = Anteil an allen hebräischsprachigen Schülern; der Rest hat keine Angabe zum Geburtsland der Eltern. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Beim Lesen verschwindet der kleine Vorsprung der Proxy-Gruppen ganz, beide liegen dort leicht unter der Vergleichsgruppe. Das passt dazu, dass in vielen dieser Familien zu Hause Russisch oder Englisch gesprochen wird.

An der Spitze: das beste Prozent

Durchschnittswerte sagen wenig darüber, wie viele Schüler ganz oben ankommen. Deshalb haben wir für jede Gruppe gezählt, welcher Anteil zu den besten 5 % und zum besten 1 % aller hebräischsprachigen Schüler gehört. Eine Gruppe ohne Besonderheiten hätte genau 5 % bzw. 1 % in diesen Zonen.

Wer schafft es in die Spitze?

Anteil jeder Gruppe über dem 95. und 99. Perzentil aller hebräischsprachigen Schüler, Mathematik

in den besten 5 %im besten 1 %

Israels Verteilung im Verteilungs-Studio →
Werte als Tabelle
in den besten 5 % (%)im besten 1 % (%)
Beide Eltern in Israel geboren5,71,2
Eltern aus der ehem. UdSSR5,81,3
Eltern aus den USA9,82,0
Eltern aus Lateinamerika6,61,2
Eltern aus Frankreich2,10,2
Eltern aus anderen Ländern3,50,5
Eltern aus Äthiopien0,20,1
Eine durchschnittliche Gruppe hätte genau 5 % bzw. 1 % in diesen Zonen (gestrichelte Linien). Die kleinen Gruppen (USA, Frankreich, Lateinamerika) haben Standardfehler von 1–2 Prozentpunkten. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung (gepoolt, jeder Zyklus gleich gewichtet)

Die UdSSR-Gruppe zeigt keinen Überschuss an der Spitze: 1,3 % ihrer Schüler gehören zum besten Prozent, bei der Vergleichsgruppe mit Eltern aus Israel sind es 1,2 %. Ein anderes Bild zeigt die USA-Gruppe. Von ihr schaffen es 9,8 % unter die besten 5 % und 2,0 % ins beste Prozent, jeweils etwa doppelt so viele wie erwartet. Die Gruppe ist mit 557 Schülern aus vier Runden allerdings klein, die Unsicherheit entsprechend groß. Die Gruppe mit Eltern aus Frankreich ist an der Spitze kaum vertreten (0,2 %).

Im Vergleich mit anderen Ländern

Wie hoch liegt die Spitze absolut? Ein gebräuchliches Maß ist das 99. Perzentil: der Punktwert, den nur das beste Prozent der Schüler übertrifft. Bei den Schülern mit Eltern aus den USA liegt er bei 722 Punkten. Das klingt hoch, bedeutet im internationalen Vergleich aber Mittelfeld der starken Länder, etwa auf dem Niveau der Schweiz (724). Das 95-%-Intervall reicht wegen der kleinen Gruppe von 691 bis 753 Punkten.

Das beste Prozent im Vergleich

99. Perzentil in Mathematik, 2015–2025 gemittelt, mit 95-%-Konfidenzintervall

Gruppen in Israel (hebräischsprachig)Deutschland, beide Eltern in DEU geborenLänder gesamt

P99 im Verteilungs-Studio (2025) →
Werte als Tabelle
Wert (Punkte)95-%-IntervallSchüler
China (4 Provinzen)793,4786,7 – 800,134.284
Singapur774,2768,8 – 779,625.948
Taiwan767,6757,9 – 777,328.087
Südkorea752,9744,2 – 761,725.544
Hongkong752,1744,9 – 759,323.748
Macau745,0739,6 – 750,417.588
Japan732,2724,6 – 739,825.070
Schweiz723,9716,6 – 731,226.108
Israel: Eltern aus den USA722,2690,9 – 753,4557
Kanada712,6707,6 – 717,790.385
Vereinigtes Königreich710,9704,6 – 717,256.493
Deutschland, beide Eltern in DEU geb.707,9701,2 – 714,713.463
Niederlande707,9702,6 – 713,121.832
Estland706,7701,2 – 712,323.599
Israel: Eltern aus der ehem. UdSSR705,0683,9 – 726,12.083
Polen703,1695,7 – 710,423.217
Israel: beide Eltern in Israel geb.701,1691,7 – 710,512.811
Deutschland gesamt696,0690,7 – 701,224.730
Israel gesamt688,2680,4 – 696,126.802
USA685,0671,2 – 698,819.725
Frankreich678,1673,4 – 682,825.687
Vietnam677,5662,8 – 692,119.262
Israel: Eltern aus Frankreich666,2613,6 – 718,9354
China = Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang bzw. Guangdong (2015, 2018, 2025; 2022 nicht dabei). Im Verteilungs-Studio stehen die Länder je Zyklus, nicht gemittelt. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Die größere UdSSR-Gruppe erreicht beim 99. Perzentil 705 Punkte, Schüler mit zwei in Israel geborenen Eltern 701. Beides liegt auf der Höhe deutscher Schüler mit zwei in Deutschland geborenen Eltern (708) und Polens (703). Klar darüber liegt Ostasien: Japan erreicht 732, Singapur 774 und die vier chinesischen Teilnehmerprovinzen 793 Punkte. Das sind 85 Punkte mehr als in Deutschland (beide Eltern in DEU geboren). Die USA als Land kommen auf 685.

Das beste Prozent der aschkenasisch geprägten Einwandererfamilien in Israel liegt auf dem Niveau Mitteleuropas. Der Abstand zu Ostasien ist an der Spitze viel größer als der Unterschied zwischen diesen Familien und ihren in Israel geborenen Mitschülern.

Und Deutschland? Die Spitze bröckelt

Der Vergleich wirft eine zweite Frage auf: Wo stand Deutschland früher? Bei Schülern mit zwei in Deutschland geborenen Eltern lag das 99. Perzentil 2012 bei 727 Punkten, damals knapp unter dem Wert, den Japan im Mittel der letzten zehn Jahre erreicht (732). 2025 waren es noch 699. Das sind 28 Punkte weniger. Die Mitte der Gruppe (Median) fiel im selben Zeitraum um 34 Punkte. Die Spitze bricht also ähnlich stark ein wie der Durchschnitt; sie liegt heute sogar unter dem Wert von 2000 (707).

Deutschland: die Spitze seit 2000

99. Perzentil in Mathematik je PISA-Runde, mit 95-%-Konfidenzband

beide Eltern in Deutschland geborenalle Schüler

Verlauf im Verteilungs-Studio →
Werte als Tabelle
beide Eltern in Deutschland geborenalle Schüler
2000706,8703,1
2003718,9711,0
2006721,8716,8
2009726,1718,9
2012727,2716,7
2015712,4703,4
2018712,1701,7
2022706,2688,8
2025698,7682,6
2000 war Mathematik nur Nebenfach des Tests; die Mathematik-Skala ist offiziell erst ab 2003 vergleichbar. Quelle: OECD PISA 2000–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Über alle Schüler fiel das 99. Perzentil von 717 auf 683 Punkte, also um 34. Der Rückgang betrifft damit nicht nur die Zusammensetzung der Schülerschaft: Auch Kinder mit zwei in Deutschland geborenen Eltern erreichen die früheren Spitzenwerte nicht mehr.

Mitte und Spitze in Deutschland

Median (P50) und 99. Perzentil, Mathematik

JahrAlle: P50Alle: P99Beide Eltern DEU: P50Beide Eltern DEU: P99Anteil der Gruppe %
200049770351570774
200350971153171971
200650571752172274
200951771953472666
201251671753672761
201550870352771262
201850470253071255
202247468950270653
202546268350269945
Gruppe „beide Eltern im Land“ im Verteilungs-Studio (ab 2015) →
Anteil bezogen auf alle Schüler inklusive fehlender Angaben zum Geburtsland der Eltern; 2025 fehlen besonders viele Angaben. Quelle: OECD PISA 2000–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Religiöse und ultraorthodoxe Schulen

Für 2025 lassen sich die hebräischsprachigen Schulen erstmals nach Schultyp trennen. Ultraorthodoxe Schulen, deren Schüler mehrheitlich aus aschkenasischen Familien stammen, liegen in Mathematik mit 443 Punkten unter den säkularen Schulen (454), im Lesen dagegen mit 480 Punkten vorn. Das passt zu einem Lehrplan, der auf Textstudium setzt und weltliche Fächer wie Mathematik weniger betont. Jungen dieser Schulen sind in der PISA-Stichprobe allerdings stark unterrepräsentiert, der Wert beruht vor allem auf Mädchenschulen.

Israel 2025 nach Schultyp

Hebräischsprachige Schulen, Mittelwerte

SchultypSchülerMatheLesenNaturw.
staatlich-säkular3.450454452464
staatlich-religiös1.353458459461
ultraorthodox958443480450
Israel nach Familiensprache im Diagramm-Studio →
Die Schultypen sind in den öffentlichen PISA-Daten erst 2025 ausgewiesen. Quelle: OECD PISA 2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Was die Daten nicht zeigen können

Die Auswertung hat klare Grenzen, und sie sind wichtig für die Einordnung:

  • Die Vergleichsgruppe ist selbst gemischt. Rund 62 % der hebräischsprachigen Schüler haben zwei in Israel geborene Eltern. Darunter sind aschkenasische, orientalisch-jüdische (Mizrachim) und gemischte Familien. PISA fragt nicht nach den Großeltern, ein direkter Vergleich von Aschkenasen und Mizrachim ist daher nicht möglich.
  • Einwanderer sind eine Auswahl. Wer aus den USA nach Israel zieht, ist oft religiös motiviert und gut ausgebildet. Die Einwanderung aus der Sowjetunion in den 1990er-Jahren war ebenfalls überdurchschnittlich gebildet. Unter ihr waren auch nicht-jüdische Angehörige sowie Juden aus Buchara und dem Kaukasus, die nicht aschkenasisch sind.
  • Kleine Gruppen. Die Gruppen USA, Frankreich und Lateinamerika umfassen pro Runde nur 50 bis 160 Schüler. Einzelne Runden schwanken stark; erst das Mittel über vier Runden ist halbwegs belastbar.
  • Juden außerhalb Israels fehlen. Rund 40 % aller Juden leben in den USA, viele weitere in Frankreich, Großbritannien, Kanada oder Argentinien. Dort lassen sie sich in PISA nicht erkennen.
  • PISA ist kein Intelligenztest. Gemessen werden die Fähigkeiten von 15-Jährigen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Schule, Sprache und Motivation spielen dabei mit hinein.

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