PISA · Analyse
Herkunft, IQ und PISA: Wie viel erklärt der Sozialstatus?
Dass Kinder aus bessergestellten Familien in der Schule besser abschneiden, bestreitet niemand. Umstritten ist, was daraus folgt. Ist der Sozialstatus eine Ursache, die Schule und Politik ausgleichen können? Oder misst er zu einem guten Teil, was Eltern ihren Kindern ohnehin mitgeben, auch über die Gene? Wir haben die PISA-Mikrodaten von 2009 bis 2025 ausgewertet und die Studien gelesen, die über die Ursache entscheiden sollen.
Kaum eine PISA-Zahl wird in Deutschland so oft zitiert wie der „Sozialgradient“. Seit dem ersten PISA-Schock im Jahr 2001 gilt er als Beleg, dass das deutsche Schulsystem Herkunft in Bildung übersetzt. Die Zahl ist real. Was sie bedeutet, ist weniger klar, als es in der Debatte oft klingt. Wir zeigen hier beides: was die Daten belegen und was sie nicht belegen können.
Was PISA unter Sozialstatus versteht
PISA fasst die soziale Herkunft in einem Index zusammen, dem ESCS (Economic, Social and Cultural Status). Er setzt sich aus drei Teilen zusammen: dem höchsten Berufsstatus der Eltern, ihren Bildungsjahren und dem Besitz zu Hause. Zum Besitz zählen ein eigener Schreibtisch, Computer, Kunstwerke und die Zahl der Bücher. Alle Angaben stammen von den 15-Jährigen selbst. Der Index ist so geeicht, dass 0 dem OECD-Durchschnitt entspricht und eine Einheit etwa einer Standardabweichung.
Der Befund: In Deutschland besonders eng
In Deutschland erklärt der ESCS 18,4 % der Unterschiede in Mathematik (95-%-Intervall 16,1 bis 20,8). Im OECD-Median sind es 10,9 %. Nur Ungarn, Slowakei, Luxemburg liegen höher. Eine Einheit ESCS ist in Deutschland 41 Punkte wert, im OECD-Median 34.
Wie viel der Mathe-Unterschiede der Sozialstatus erklärt
Erklärte Varianz (R²) des ESCS innerhalb jedes OECD-Landes, PISA 2025, in %
Werte als Tabelle
| Wert (%) | 95-%-Intervall | Schüler | |
|---|---|---|---|
| Ungarn | 20,0 | 16,8 – 23,1 | 6.155 |
| Slowakei | 19,8 | 16,6 – 23,0 | 6.362 |
| Luxemburg | 19,5 | 17,6 – 21,3 | 5.476 |
| Deutschland | 18,4 | 16,1 – 20,8 | 5.575 |
| Kolumbien | 17,0 | 13,0 – 21,1 | 6.829 |
| Portugal | 16,7 | 14,0 – 19,3 | 6.590 |
| Tschechien | 15,8 | 13,4 – 18,2 | 8.001 |
| Belgien | 15,7 | 13,5 – 18,0 | 6.855 |
| Frankreich | 14,8 | 12,1 – 17,4 | 5.899 |
| Niederlande | 13,7 | 10,9 – 16,5 | 6.092 |
| Türkei | 13,6 | 11,0 – 16,2 | 7.449 |
| Schweiz | 13,6 | 11,5 – 15,6 | 7.026 |
| Chile | 12,3 | 9,8 – 14,9 | 5.977 |
| Österreich | 11,8 | 10,0 – 13,5 | 6.662 |
| Polen | 11,5 | 9,3 – 13,6 | 6.777 |
| Estland | 11,4 | 9,4 – 13,3 | 6.196 |
| Irland | 11,2 | 9,4 – 13,0 | 6.162 |
| Griechenland | 11,1 | 8,7 – 13,5 | 6.560 |
| Spanien | 10,9 | 9,4 – 12,3 | 28.561 |
| Italien | 10,8 | 8,6 – 13,0 | 8.693 |
| Australien | 10,7 | 9,2 – 12,2 | 13.976 |
| Israel | 10,7 | 8,6 – 12,8 | 5.874 |
| USA | 10,5 | 5,2 – 15,9 | 2.525 |
| Südkorea | 10,5 | 8,3 – 12,8 | 6.691 |
| Schweden | 10,5 | 8,5 – 12,4 | 6.262 |
| Neuseeland | 10,4 | 8,8 – 12,1 | 4.491 |
| Mexiko | 10,1 | 7,9 – 12,3 | 7.669 |
| Großbritannien | 10,1 | 8,0 – 12,1 | 13.986 |
| Norwegen | 9,4 | 7,7 – 11,0 | 5.950 |
| Finnland | 9,2 | 7,6 – 10,9 | 7.267 |
| Litauen | 8,9 | 6,9 – 10,8 | 6.887 |
| Japan | 8,4 | 6,3 – 10,4 | 6.310 |
| Slowenien | 8,3 | 6,4 – 10,1 | 6.820 |
| Dänemark | 8,1 | 6,1 – 10,1 | 4.628 |
| Lettland | 6,9 | 5,5 – 8,3 | 6.016 |
| Kanada | 6,8 | 5,7 – 7,9 | 22.143 |
| Island | 6,6 | 4,9 – 8,4 | 3.553 |
Anschaulicher ist der Vergleich der Viertel. Das sozial schwächste Viertel der deutschen 15-Jährigen erreicht 419 Punkte, das stärkste 530. Der Abstand von 112 Punkten entspricht 1,2 Standardabweichungen oder etwa 17 IQ-Punkten. Im OECD-Median liegen 81 Punkte zwischen den Vierteln.
Der Abstand ist nicht einfach gewachsen. 2009 lag er bei 116 Punkten, 2015 mit 89 deutlich niedriger, seither ist er wieder gestiegen. Der Unterschied zwischen 2015 und 2025 ist größer als die Messunsicherheit. Gleichzeitig ist der Anteil der sozial benachteiligten Schüler gesunken, die es trotzdem ins oberste Leistungsviertel schaffen: von 10 % auf 7,1 % (OECD-Median 11,0 %). Gäbe es keinen Zusammenhang, wären es 25 %.
Deutschland: Abstand zwischen oberem und unterem Sozial-Viertel
Mathematik, PISA-Punkte, mit 95-%-Konfidenzband
Abstand oberes zu unterem Viertel
Sozialgradient im Diagramm-Studio →Werte als Tabelle
| Abstand oberes zu unterem Viertel | |
|---|---|
| 2009 | 116,2 |
| 2012 | 100,4 |
| 2015 | 89,2 |
| 2018 | 104,9 |
| 2022 | 111,5 |
| 2025 | 111,7 |
Wo der Gradient entsteht: zwischen den Schulen
Zerlegt man den Zusammenhang, zeigt sich ein deutsches Muster. Innerhalb derselben Schule bringt eine ESCS-Einheit nur 14 Punkte. Zwischen Schulen sind es 103 Punkte je Einheit des Schulmittels. Schulen mit sozial bessergestellter Schülerschaft liegen also weit vorn, innerhalb der Schulen spielt der Status wenig Rolle. In Finnland, wo alle Kinder bis zur neunten Klasse gemeinsam lernen, ist das Verhältnis 31 zu 58. In den Niederlanden, die mit zwölf Jahren nach Schulformen trennen, und in Japan, wo Oberschulen ihre Schüler mit 15 per Aufnahmeprüfung auswählen, ist das Gefälle zwischen Schulen noch steiler (146 und 163).
Der Sozialgradient liegt zwischen den Schulen
Mathe-Punkte je ESCS-Einheit, PISA 2025
innerhalb derselben SchuleSchulmittel (zwischen Schulen)
Im Diagramm-Studio vergleichen →Werte als Tabelle
| innerhalb derselben Schule (Punkte) | Schulmittel (zwischen Schulen) (Punkte) | |
|---|---|---|
| Deutschland | 14,2 | 102,7 |
| Niederlande | 8,3 | 145,6 |
| Japan | 2,1 | 163,3 |
| Österreich | 7,7 | 107,5 |
| Schweiz | 21,8 | 120,4 |
| Frankreich | 16,1 | 99,8 |
| USA | 16,1 | 86,1 |
| Großbritannien | 17,4 | 78,2 |
| Schweden | 26,8 | 78,5 |
| Finnland | 31,2 | 57,5 |
| Kanada | 20,3 | 77,0 |
| Estland | 24,9 | 74,1 |
Die Deutung ist umstritten. Die eine Lesart: Die Aufteilung nach der vierten Klasse sortiert Kinder auch nach Herkunft und gibt ihnen ungleiche Lernumgebungen, das Gymnasium verstärkt so die Unterschiede. Die andere: Die Schulen wählen nach Leistung aus, und Leistung hängt mit Herkunft zusammen. Das steile Gefälle wäre dann Folge, nicht Ursache. Der australische Soziologe Gary Marks hat gezeigt, dass Effekte der Schulzusammensetzung weitgehend verschwinden, wenn man die frühere Leistung der Schüler kennt. PISA misst jeden Schüler nur einmal und kann die beiden Lesarten nicht trennen.
Was gegen eine kausale Lesart spricht
Über vier Fünftel der Unterschiede bleiben offen
18,4 % erklärte Varianz heißt umgekehrt: Wer nur den Sozialstatus eines Kindes kennt, weiß über 82 % der Leistungsunterschiede nichts. Die Verteilungen überlappen stark. Im OECD-Median übertreffen 18 % der Kinder aus dem unteren sozialen Viertel den Durchschnitt des oberen Viertels, in Deutschland 9,5 %. Für einzelne Kinder taugt der Status kaum als Prognose.
Gleicher Status, völlig andere Leistung
Der ESCS ist international auf eine gemeinsame Skala gebracht. Das erlaubt einen direkten Vergleich von Kindern gleicher sozialer Lage in verschiedenen Ländern. Das Ergebnis ist deutlich: Kinder aus Hongkong mit einem ESCS um −1,75, also aus sehr einfachen Verhältnissen, erreichen 502 Punkte. Deutsche Kinder mit durchschnittlichem Status (ESCS um 0) liegen bei 473 bis 490. In Singapur erreichen arme Kinder (ESCS um −1,25) mit 480 Punkten den deutschen Landesdurchschnitt von 476. Vietnamesische Kinder gleicher Lage liegen mit 433 Punkten gleichauf mit deutschen (428), obwohl Vietnam nur einen Bruchteil des deutschen Einkommens hat. Mexikanische Kinder aus gehobenen Verhältnissen (ESCS um +1,25) kommen auf 430 Punkte, so viel wie arme deutsche.
Gleicher Sozialstatus, sehr unterschiedliche Leistung
Mathematik nach ESCS (international einheitliche Skala), PISA 2025, mit 95-%-Konfidenzband
DeutschlandHongkongSingapurVietnamMexiko
Gradienten im Diagramm-Studio (nationale Quintile) →Werte als Tabelle
| Deutschland | Hongkong | Singapur | Vietnam | Mexiko | |
|---|---|---|---|---|---|
| ESCS −2,50 bis −2,00 | 396,5 | 484,7 | 443,3 | 411,6 | 367,2 |
| ESCS −2,00 bis −1,50 | 410,7 | 501,5 | 467,7 | 424,3 | 375,3 |
| ESCS −1,50 bis −1,00 | 427,6 | 502,1 | 480,2 | 432,7 | 383,5 |
| ESCS −1,00 bis −0,50 | 452,7 | 510,0 | 499,2 | 444,0 | 389,3 |
| ESCS −0,50 bis 0,00 | 473,3 | 522,4 | 525,8 | 459,4 | 397,0 |
| ESCS 0,00 bis 0,50 | 490,1 | 534,8 | 554,5 | 482,2 | 407,6 |
| ESCS 0,50 bis 1,00 | 516,0 | 565,5 | 591,3 | 513,4 | 425,7 |
| ESCS 1,00 bis 1,50 | 540,9 | 567,0 | 604,5 | 538,0 | 430,4 |
Die Kurven verlaufen in allen Ländern ähnlich steil. Die Abstände zwischen den Ländern bei gleichem Status sind aber so groß wie der gesamte Sozialgradient innerhalb Deutschlands. Was Länder unterscheidet, ist offenbar nicht der Status ihrer Familien, sondern etwas anderes: Lernzeit, Unterricht, Erwartungen, womöglich auch Unterschiede im mittleren Fähigkeitsniveau.
Der Index misst mit, was Eltern können
Nimmt man den ESCS auseinander, erklärt ein einzelnes Merkmal so viel wie der ganze Index: die Zahl der Bücher zu Hause. In Deutschland sind es 19,6 % der Mathe-Unterschiede, beim gesamten ESCS 18,4 %. Kinder aus Haushalten mit 201 bis 500 Büchern liegen 118 Punkte vor Kindern mit 1 bis 10 Büchern. Die Bildungsjahre der Eltern erklären dagegen nur 5,9 %, ihr Beruf 13,4 %.
Die Bücherzahl erklärt so viel wie der ganze Sozialindex
Erklärte Varianz der Mathe-Leistung (R²) einzelner Herkunftsmerkmale, PISA 2022, in %
DeutschlandOECD (Länder gleich gewichtet)
Sozialgradient im Diagramm-Studio →Werte als Tabelle
| Deutschland (%) | OECD (Länder gleich gewichtet) (%) | |
|---|---|---|
| ESCS-Index gesamt | 18,4 | 15,0 |
| Bücher zu Hause | 19,6 | 14,6 |
| Besitz zu Hause | 17,7 | 13,5 |
| Beruf der Eltern | 13,4 | 10,2 |
| Bildungsjahre der Eltern | 5,9 | 4,6 |
| ESCS + Bücher zusammen | 24,8 | 19,5 |
Bücher kosten wenig. Sie zeigen vor allem, ob in einer Familie gelesen wird, und damit auch Interessen und kognitive Fähigkeiten der Eltern. Diese geben Eltern ihren Kindern zum Teil genetisch weiter. Ein Teil des „sozialen“ Gradienten wäre dann Fähigkeit, die mit dem Status einhergeht. Das lässt sich aus PISA aber nicht beweisen: Bücher können auch selbst wirken, weil in lesenden Familien mehr gelesen wird. Und sie können Folge sein, denn ein lesendes Kind vergrößert die Sammlung.
Zwischen Ländern: IQ schlägt Status
Auf Länderebene hängt die mittlere PISA-Leistung eng am mittleren ESCS eines Landes (r = 0,79), noch enger aber am geschätzten Landes-IQ (r = 0,92). Der ESCS erklärt 62 % der Unterschiede zwischen 78 Ländern, das Pro-Kopf-Einkommen 68 %, der Landes-IQ 85 %. Nimmt man den IQ hinzu, schrumpft der Beitrag des ESCS von 65 auf 20 Punkte je Einheit. Ein IQ-Punkt entspricht über die Länder etwa 5,8 PISA-Punkten.
Zwischen Ländern sagt der Landes-IQ PISA besser voraus als der Sozialstatus
Erklärte Varianz (R²) der mittleren Mathe-Leistung 2025 über 78 Länder, in %
R² über Länder
IQ und PISA im HDI-Studio →Werte als Tabelle
| R² über Länder (%) | |
|---|---|
| mittlerer ESCS | 62,0 |
| BIP je Einwohner (log) | 68,1 |
| ESCS + BIP | 69,9 |
| Landes-IQ (Schätzung) | 85,3 |
| ESCS + Landes-IQ | 88,1 |
Dieser Befund ist schwächer, als er aussieht. Die Landes-IQ-Werte nach Henss (2023) beruhen zum Teil selbst auf Schulleistungsstudien. IQ und PISA messen also teilweise dasselbe, und die Korrelation ist dadurch zum Teil eingebaut. Sicher sagen lässt sich nur: Der Sozialstatus eines Landes erklärt dessen PISA-Niveau schlechter als ein Maß der allgemeinen kognitiven Leistung.
Herkunftsgruppen: Status erklärt einen Teil
In einer früheren Auswertung haben wir Einwandererkinder aus westlichen Ländern bei gleicher Schule und gleichem ESCS mit Einheimischen verglichen. Bei portugiesischstämmigen Kindern erklärt der Status den Rückstand fast vollständig. Bei türkischstämmigen halbiert er sich nur, von 76 auf 41 Punkte. Bei chinesischstämmigen bleibt ein Vorsprung von rund 70 Punkten. Bei vietnamesischstämmigen Kindern wächst der Vorsprung sogar, wenn man den Status herausrechnet. Diese Gruppe stammt aber zu gut 70 % aus Australien, das Einwanderer gezielt auswählt. In Finnland liegen vietnamesischstämmige Kinder deutlich hinter den Einheimischen, allerdings bei nur 89 Schülern. In Deutschland lassen sie sich gar nicht untersuchen, weil der deutsche Fragebogen Vietnam nicht als Geburtsland der Eltern anbietet.
Was Studien über die Ursache sagen
PISA ist eine Momentaufnahme und kann keine Ursachen belegen. Dafür braucht es Studien, in denen die Umwelt zufällig variiert oder in denen man Gene und Umwelt trennen kann. Sie zeichnen ein gemischtes Bild.
Was kausale und genetisch informierte Studien zeigen
| Studie | Befund | Lesart |
|---|---|---|
| Kendler u. a. 2015, Schweden | Adoptierte Brüder: +4,4 IQ-Punkte gegenüber dem nicht adoptierten Bruder | Umwelt wirkt |
| Duyme u. a. 1999, Frankreich | Adoptivkinder: IQ 98 in Familien mit hohem, 85 mit niedrigem Status | Umwelt wirkt |
| Dahl & Lochner 2012, USA | 1.000 $ mehr Einkommen: etwa +6 % SD in Mathe und Lesen (nach Korrektur ~30 % weniger) | Umwelt wirkt |
| Turkheimer u. a. 2003, USA | Bei Armut erklärt die Familienumwelt die IQ-Unterschiede, bei Wohlstand die Erblichkeit | Umwelt wirkt |
| Brinch & Galloway 2012, Norwegen | Ein zusätzliches Pflichtschuljahr: +3,7 IQ-Punkte | Schule wirkt |
| Krapohl & Plomin 2016, Großbritannien | Die Hälfte der Korrelation zwischen Familienstatus und Schulnoten ist genetisch | Überschätzt |
| Sacerdote 2007, USA | Koreanische Adoptivkinder: Familienumwelt erklärt 14 % der Bildungsunterschiede | Überschätzt |
| Tucker-Drob & Bates 2016, Meta-Analyse | Der Turkheimer-Effekt zeigt sich nur in den USA, nicht in Europa oder Australien | Überschätzt |
| Cesarini u. a. 2016, Schweden | Lotteriegewinne der Eltern: Effekt auf Schulleistung der Kinder um null | Überschätzt |
| Sanbonmatsu u. a. 2006, USA | Umzug in Viertel mit weniger Armut (MTO): kein Effekt auf Testleistungen | Überschätzt |
| Marks 2015 | Effekte der Schulzusammensetzung verschwinden, wenn man frühere Leistung kontrolliert | Überschätzt |
Umwelt wirkt. In Schweden hatten adoptierte Männer im Mittel 4,4 IQ-Punkte mehr als ihre leiblichen Brüder, die bei den leiblichen Eltern aufwuchsen (Kendler u. a. 2015). In Frankreich erreichten spät adoptierte, vernachlässigte Kinder einen IQ von 98, wenn die Adoptivfamilie einen hohen Status hatte, und 85 bei niedrigem Status (Duyme u. a. 1999). Mehr Familieneinkommen durch eine US-Steuergutschrift hob die Testwerte armer Kinder messbar (Dahl & Lochner 2012). Und Schule selbst wirkt: Ein zusätzliches Pflichtschuljahr brachte in Norwegen 3,7 IQ-Punkte (Brinch & Galloway 2012).
Aber weniger, als der Gradient suggeriert. Bei rund 3.000 britischen Kindern ließ sich die Hälfte der Korrelation zwischen Familienstatus und Schulnoten auf gemessene DNA-Varianten zurückführen (Krapohl & Plomin 2016). Koreanische Adoptivkinder, die in den USA fast zufällig auf Familien verteilt wurden, unterschieden sich später kaum nach Einkommen der Adoptiveltern. Die Familienumwelt erklärte 14 % der Bildungsunterschiede (Sacerdote 2007). Der oft zitierte Befund, dass Armut Anlagen unterdrückt (Turkheimer u. a. 2003), zeigt sich in einer Meta-Analyse nur in den USA, nicht in Westeuropa oder Australien (Tucker-Drob & Bates 2016). Und reines Geld wirkt kaum: Schwedische Lotteriegewinne hatten keinen messbaren Effekt auf die Schulleistung der Kinder (Cesarini u. a. 2016). Umzüge in bessere Viertel im US-Experiment „Moving to Opportunity“ änderten die Testwerte nicht (Sanbonmatsu u. a. 2006).
Der Sozialgradient misst beides zugleich: was ein Elternhaus ermöglicht und was Eltern vererben. PISA kann das nicht trennen.
Was folgt daraus
Wer den Sozialgradienten als direkte Messung von Chancenungleichheit liest, überschätzt, was Schule und Sozialpolitik ausgleichen können. Wer ihn als reine Vererbung abtut, übersieht die Adoptions- und Schulstudien, die echte Umwelteffekte zeigen. Die Daten stützen weder die eine noch die andere Extremposition.