PISA · Analyse

Roma und der „IQ von 70“: Was die Studien messen und was PISA zeigt

Roma sind mit rund zehn Millionen Menschen die größte Minderheit Europas und in der Schule die Gruppe mit den schwächsten Ergebnissen. In Debatten fällt oft die Zahl 70 als „IQ der Roma“. Wir haben die Studien dahinter gelesen und die Frage mit den PISA-Daten nachgerechnet: Wie groß ist der Abstand wirklich, und wie viel davon lässt sich mit Elternhaus und Schule erklären?

· 13 Min. Lesezeit · PISA 2015–2025, Mikrodaten der OECD, eigene Auswertung; Fachliteratur

Die Zahl hat eine lange Karriere. In Foren, Büchern und Debatten zur Zuwanderung aus Südosteuropa taucht sie immer wieder auf: Roma hätten einen durchschnittlichen IQ von etwa 70. Das ist die Grenze, unterhalb der Diagnostiker eine geistige Behinderung in Betracht ziehen. Wer die Zahl zitiert, beruft sich meist auf Studien aus Serbien und Spanien.

Wir wollen hier zweierlei prüfen: Was genau haben diese Studien gemessen? Und was zeigen die größten verfügbaren Daten zu Roma-Kindern, die PISA-Erhebungen der OECD? Dabei gilt, was für jede Auswertung auf dieser Seite gilt: Wir berichten, was die Daten zeigen, auch wenn das Ergebnis unbequem ist, und wir sagen dazu, was sie nicht zeigen können.

Woher die Zahl 70 kommt

Die bekannteste Quelle ist eine Studie von J. Philippe Rushton, Jelena Čvorović und Trudy Ann Bons aus dem Jahr 2007 in der Fachzeitschrift Intelligence. Getestet wurden 323 Roma im Alter von 16 bis 66 Jahren aus drei Gemeinden in Serbien, mit den Raven-Matrizen, einem sprachfreien Test für schlussfolgerndes Denken. Im Mittel lösten die Teilnehmer 29 von 60 Aufgaben. Nach den US-Normen von 1993 entspricht das dem 3. Perzentil, also einem IQ-Äquivalent von 70. Die Autoren deuten das Ergebnis als Merkmal einer südasiatischen Herkunftsgruppe und sehen keinen Hinweis auf eine kulturelle Verzerrung. Eine spätere Arbeit von Čvorović und Richard Lynn (2014) nennt für Roma in Serbien sogar einen Wert von 60 auf britischen Normen, für Serben 94.

Die spanische Quelle ist deutlich dünner. Es handelt sich um eine Doktorarbeit von A. Ramis (Universität Barcelona, 1979) mit 19 Gitano-Kindern zwischen 10 und 15 Jahren. Sie ergab einen IQ von 70 im Otis-Test und 71 im Cattell-Test. Die Arbeit ist nie in einer Fachzeitschrift erschienen und nur über eine Zusammenfassung in einer späteren Madrider Dissertation (Mitjavila 2005) greifbar. Dieselbe Dissertation berichtet für 47 Gitano-Grundschüler in Madrid Werte um 100, ebenfalls eine kleine Gruppe mit unklarer Normierung. Eine belastbare spanische Studie gibt es also in keiner Richtung.

Studien zu Intelligenz und Testleistung von Roma

Ergebnisse wie von den Autoren berichtet; die ersten drei liefern Werte um oder unter 70

StudieErgebnisWer, woTest, Norm
Ramis 1979 (Dissertation, Barcelona)IQ 70 bzw. 7119 Gitano-Kinder, 10–15 J.Otis, Cattell
Rushton, Čvorović & Bons 2007IQ-Äquivalent 70323 Erwachsene, 3 Gemeinden in SerbienRaven, US-Norm 1993
Čvorović & Lynn 2014Roma 60, Serben 94Roma, Serben, Bosniaken in SerbienRaven, britische Norm
Dan 2002 (zit. n. Bakalář 2004)79,6 (Nicht-Roma 101,4)89 Roma-Kinder, TschechienWISC-III
Raven u. a. 1995 (zit. n. Lynn)83728 Kinder, 5–8 J., SlowakeiRaven CPM
Dolean & Călugăr 2020Abstand ≈ 1 SD (≈ 14 IQ-Punkte); nach Status ≈ 5322 Roma, 178 Nicht-Roma, 1. Klasse, RumänienRaven CPM, gleiche Schulen
Kertesi & Kézdi 2011Abstand ≈ 1 SD; mit Kontrollen Lesen ≈ 0, Mathe 0,15 SDlandesweit, 8. Klasse, UngarnSchultest (kein IQ)
Umrechnungen in IQ-Punkte bei Dolean & Călugăr sind unsere (die Autoren berichten Rohwerte und Effektstärken). Ramis 1979 ist nur über eine Zusammenfassung (Mitjavila 2005) zugänglich. Mankind Quarterly (Čvorović & Lynn, Bakalář) ist keine Fachzeitschrift mit üblichem Begutachtungsstandard.

Gegen die Studien aus Serbien lassen sich drei Einwände erheben, und zwar unabhängig davon, wie man zu ihren Autoren steht:

  • Fremde Normen. Die Werte sind an amerikanischen oder britischen Stichproben geeicht, nicht an der serbischen Bevölkerung. Serbische Erwachsene hat Rushton zwar separat getestet (IQ um 90 auf denselben Normen), aber nicht in denselben Orten und unter denselben Bedingungen.
  • Keine Kontrolle für Schulbildung. Viele Erwachsene in den getesteten Siedlungen hatten nur wenige Jahre die Schule besucht. Raven-Werte steigen mit der Schulzeit, das zeigt auch der Flynn-Effekt: Die Rohwerte in Industrieländern sind im 20. Jahrhundert um 15 bis 20 IQ-Punkte gestiegen.
  • Ausgewählte Gemeinden. Getestet wurden drei arme Siedlungen, keine repräsentative Stichprobe der Roma in Serbien.

Studien an Schulkindern kommen auf kleinere, aber immer noch große Abstände. In Tschechien lagen Roma-Kinder im WISC-III bei 79,6, Kinder der Mehrheit bei 101,4, also rund 22 Punkte darunter. In Rumänien fanden Dolean und Călugăr (2020) bei 500 Erstklässlern aus denselben Schulen einen Abstand von etwa einer Standardabweichung, umgerechnet rund 14 IQ-Punkte. Nach Kontrolle von Elternbildung und Wohnverhältnissen blieben etwa 5 Punkte.

Wie PISA Roma erkennt

PISA fragt nicht nach Ethnie. Es gibt aber eine Näherung: In einigen Ländern können Schüler Romani als die Sprache angeben, die sie zu Hause meistens sprechen.

Diese Abgrenzung hat Folgen, die man kennen muss. Wer zu Hause Romani spricht, gehört eher zu den wenig assimilierten, oft in Siedlungen lebenden Familien. Roma, die zu Hause Slowakisch oder Ungarisch sprechen, fallen nicht in die Gruppe und dürften besser abschneiden. Umgekehrt fehlen in PISA die 15-Jährigen, die nicht mehr zur Schule gehen oder unter Klasse 7 sind, und ein Teil der Sonderschüler. Das betrifft gerade die Schwächsten. Beide Verzerrungen gehen in entgegengesetzte Richtungen.

Der Abstand: rund anderthalb Standardabweichungen

In der Slowakei, der größten Gruppe, erreichen Romani sprechende Schüler in Mathematik im Mittel 343 Punkte, Schüler mit Slowakisch als Familiensprache 485. Der Abstand von 142 Punkten entspricht 1,5 Standardabweichungen oder etwa 22 IQ-Punkten. Das ist der größte Abstand zwischen einer Sprachgruppe und der Mehrheit, den PISA seit 2015 in irgendeinem Land misst (Gruppen ab 100 Schülern). Am nächsten kommen Schüler mit australischen Ureinwohnersprachen (127 Punkte). Im Lesen ist er noch größer (316 gegenüber 464), was zur Sprache passt, in der getestet wird.

Mathematik: Romani sprechende Schüler und die Mehrheit

PISA-Punkte, Mittel der Runden 2015–2025 mit 95-%-Konfidenzintervall

zu Hause RomaniMehrheitssprache

Im Diagramm-Studio öffnen →
Werte als Tabelle
Wert (Punkte)95-%-IntervallSchüler
Slowakei: Slowakisch (Mehrheit)485,3482,6 – 488,021.024
Slowakei: Romani342,9334,7 – 351,01.105
Tschechien: Tschechisch (Mehrheit)492,2490,0 – 494,528.495
Tschechien: Romani383,8369,1 – 398,5257
Slowenien: Slowenisch (Mehrheit)499,3498,1 – 500,623.476
Slowenien: Romani361,5337,6 – 385,490
Serbien: Serbisch (Mehrheit)438,5435,2 – 441,918.584
Serbien: Romani362,4338,2 – 386,5171
Bulgarien: Bulgarisch (Mehrheit)434,9431,1 – 438,720.291
Bulgarien: Romani¹367,8359,1 – 376,5940
Serbien erst ab 2018. ¹ Bulgarien hat keinen eigenen Romani-Code; die nationale Kategorie „Minderheitensprachen/Dialekte“ dürfte überwiegend Romani sein, das ist aber nicht gesichert. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

In den anderen Ländern liegen die Roma-Schüler zwischen 343 und 384 Punkten. Die Abstände zur Mehrheit entsprechen in Slowenien etwa 24, in Tschechien 18, in Serbien 12 und in Bulgarien 10 IQ-Punkten. Der Abstand ist dort kleiner, wo auch die Mehrheit schwächer abschneidet: Bulgarien und Serbien liegen insgesamt weit unter dem OECD-Mittel.

Rechnet man mit der Umrechnung dieser Seite (IQ = 100 + (PISA − 500) × 0,15) auf eine gemeinsame Skala um, landen die Romani sprechenden Schüler in der Slowakei bei etwa 76, die Mehrheit bei 98. Das ist deutlich über 70, aber im Bereich der tschechischen WISC-Studie. Es spricht einiges dafür, dass die Werte um 70 für Roma-Erwachsene mit wenig Schulbildung und ausländischen Normen gelten, nicht für Roma-Kinder, die zur Schule gehen.

Was das für die Verteilung heißt

Der Mittelwert allein unterschätzt, wie verschieden die Lage ist. In der Slowakei erreichen 85 % der Romani sprechenden Schüler nicht die Kompetenzstufe 2, die die OECD als Mindestniveau ansieht. In der Mehrheit sind es 25 %. Unter Stufe 1a, wo auch einfachste Aufgaben meist scheitern, liegen 61 % gegenüber 10 %. Stufe 4 oder höher erreichen 1,1 %, in der Mehrheit 28 %.

Slowakei: Wie viele erreichen welches Niveau?

Anteil der Schüler je Kompetenzstufe in Mathematik, Mittel 2015–2025

zu Hause Romanizu Hause Slowakisch

Im Diagramm-Studio öffnen →
Werte als Tabelle
zu Hause Romani (%)zu Hause Slowakisch (%)
unter Stufe 1a (unter 358 Punkten)61,09,9
unter Stufe 2 (unter 420 Punkten)84,924,8
Stufe 4 und höher (ab 545 Punkten)1,127,9
Stufe 2 gilt bei der OECD als Mindestniveau, um im Alltag mathematisch zurechtzukommen. Unter Stufe 1a lösen Schüler auch einfachste Aufgaben meist nicht. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Die Werte der Roma-Schüler streuen dabei weniger als die der Mehrheit (Standardabweichung 76 gegenüber 96). Legt man als Grenze „zwei Standardabweichungen unter dem Mittel der Mehrheit“ an, das Gegenstück zu einem IQ von 70, läge unter Annahme einer Normalverteilung etwa jeder vierte Romani sprechende Schüler darunter (26 %). Das ist rund das 11-Fache des Anteils in der Mehrheit.

Das gibt einer alten Streitfrage einen Maßstab. In Ostrava waren 1999 rund 50 % der Roma-Kinder in Sonderschulen für „leicht geistig Behinderte“ eingewiesen, 27-mal so viele wie bei anderen Kindern. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das 2007 als Diskriminierung gewertet (D.H. u. a. gegen Tschechien). Beide Seiten der Debatte haben einen Punkt. Nach den Testwerten ist eine starke Überrepräsentation von Roma unter sehr schwachen Schülern zu erwarten, das 11-Fache ist mit den PISA-Daten gut vereinbar. Die Quote in Ostrava lag aber noch einmal mehr als doppelt so hoch, und ein niedriger Testwert allein ist noch keine geistige Behinderung.

Liegt es an der Armut?

Die naheliegende Erklärung ist das Elternhaus. Die Unterschiede sind hier tatsächlich extrem: Der Sozialstatus-Index der OECD (ESCS) liegt bei Romani sprechenden Schülern in der Slowakei bei −1,5, in der Mehrheit bei −0,1, das ist fast anderthalb Standardabweichungen tiefer. Bei 38 % der Roma-Schüler hat kein Elternteil einen Abschluss über der Pflichtschule, in der Mehrheit bei 2 %. Fast jeder zweite (47 %) hat schon eine Klasse wiederholt, in der Mehrheit 4 %.

Elternhaus und Schullaufbahn

Romani sprechende Schüler (R) und Mehrheit (M), Mittel 2015–2025

ESCS RESCS MEltern höchstens Sek. I: R (%)M (%)Klasse wiederholt: R (%)M (%)
Slowakei−1,5−0,1382474
Tschechien−0,9−0,1274434
Slowenien−0,70,2251562
Serbien−1,2−0,2483261
Bulgarien¹−1,3−0,1404244
ESCS: 0 = OECD-Durchschnitt. „Eltern höchstens Sek. I“: kein Elternteil hat einen Abschluss über der Pflichtschule (ISCED 2). Slowenien: nur 90 Romani-Schüler, entsprechend unsicher. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Rechnet man den Sozialstatus heraus, schrumpft der Abstand in der Slowakei von 142 auf 86 Punkte, das sind noch rund 13 IQ-Punkte. Armut, wie PISA sie misst, erklärt also etwa 40 % des Abstands, nicht den ganzen.

Aufschlussreicher ist, wie die Leistung mit dem Status zusammenhängt. Bei Kindern der Mehrheit steigt sie mit jedem Schritt auf der Statusleiter kräftig an. Bei Romani sprechenden Kindern bleibt sie fast flach. Im ärmsten Band liegen beide Gruppen gleichauf (339 und 337 Punkte). Im mittleren Band trennen sie 482 und 336 Punkte, im obersten 520 und 387.

Slowakei: Mehr Wohlstand, bessere Leistung – aber nicht bei Roma

Mathematik nach sozioökonomischem Status (OECD-Index ESCS), gepoolt 2015–2025

zu Hause Romanizu Hause Slowakisch

Abstand bei gleichem Status im Studio →
Werte als Tabelle
zu Hause Romanizu Hause Slowakisch
sehr arm (ESCS unter −2)339,1336,5
ESCS −2 bis −1,5331,3384,9
ESCS −1,5 bis −1348,7436,5
ESCS −1 bis −0,5334,1467,1
ESCS −0,5 bis 0336,5481,6
OECD-Durchschnitt und darüber (ESCS über 0)387,3520,2
Achse: ESCS-Band. ESCS fasst Bildung und Beruf der Eltern sowie Besitz im Haushalt zusammen; 0 ist der OECD-Durchschnitt, eine Einheit etwa eine Standardabweichung. Jedes Band enthält mindestens 95 Romani sprechende Schüler. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung (jeder Zyklus gleich gewichtet)

Für diesen Befund gibt es zwei Lesarten, und die Daten allein entscheiden nicht zwischen ihnen:

  • Der Index misst die Lage der Roma schlecht. Ein Roma-Haushalt mit Arbeit und Auto lebt oft trotzdem in einer abgeschotteten Siedlung, schickt die Kinder auf dieselbe Schule und spricht zu Hause eine andere Sprache als in der Schule. Der ESCS erfasst Besitz, Bildung und Beruf, aber nicht Wohnort, Schulqualität oder Ausgrenzung.
  • Regression zur Mitte. Hängt der Status der Eltern auch mit ihren eigenen Fähigkeiten zusammen, rutschen die Kinder besser gestellter Eltern im Schnitt in Richtung des Gruppenmittels zurück. Liegt dieses Mittel tiefer, fällt der Zuwachs kleiner aus. Das ist eine Vorhersage erblicher Modelle, sie entsteht aber genauso, wenn das Gruppenmittel durch Umwelt auf Ebene der ganzen Gemeinschaft gedrückt wird.

Die Schule erklärt mehr als das Elternhaus

In der PISA-Stichprobe besuchen 67 % der Romani sprechenden Schüler in der Slowakei eine Schule, in der mindestens 30 % der getesteten Schüler Romani sprechen. Nur 14 % lernen in Schulen mit weniger als 10 % Roma. Die Unterschiede zwischen diesen Schulen sind groß: Roma-Schüler an Schulen mit wenigen Roma erreichen 388 Punkte, an Schulen mit vielen Roma 332. Auch Kinder der Mehrheit an diesen Schulen schneiden schwach ab (365 Punkte).

Slowakei: Mathematik nach Roma-Anteil der Schule

Anteil Romani sprechender Schüler an der eigenen Schule (in der PISA-Stichprobe), gepoolt 2015–2025

zu Hause Romanizu Hause Slowakisch

Im Diagramm-Studio öffnen →
Werte als Tabelle
zu Hause Romani (Punkte)zu Hause Slowakisch (Punkte)
Roma-Anteil unter 10 % (14 % der Roma-Schüler)388,2491,9
Roma-Anteil 10–30 % (19 % der Roma-Schüler)343,5416,9
Roma-Anteil 30 % und mehr (67 % der Roma-Schüler)332,4365,1
Der Roma-Anteil beruht auf den etwa 25–40 getesteten Schülern je Schule. Schulen mit vielen Roma liegen oft in armen Regionen; auch Kinder der Mehrheit schneiden dort schwach ab. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Vergleicht man nur Schüler, die dieselbe Schule besuchen, sinkt der Abstand in der Slowakei auf 51 Punkte, bei gleichem Sozialstatus auf 43. In Tschechien, Serbien und Slowenien zusammen sind es 46 bzw. 41, in Bulgarien nur noch 12 bzw. 8.

Wie viel vom Abstand bleibt?

Abstand Romani – Mehrheitssprache in Mathematik (Punkte), gepoolt 2015–2025

Romani-Schülerrohbei gleichem Sozialstatusin derselben Schuledieselbe Schule, gleicher Status
Slowakei1.053−143−86−51−43
Tschechien, Serbien, Slowenien461−110−69−46−41
Bulgarien¹854−67−20−12−8
Regressionen mit Gewichten, allen Plausible Values und Replikatgewichten; Standardfehler 4–9 Punkte. „In derselben Schule“ vergleicht nur Schüler, die dieselbe Schule besuchen (Schul-Fixeffekte). 100 PISA-Punkte entsprechen etwa einer Standardabweichung. Alle Spalten nur mit Schülern, für die der Sozialstatus bekannt ist, daher weicht „roh“ leicht vom Mittelwertvergleich oben ab. ¹ siehe Anmerkung oben. Quelle: OECD PISA 2015–2025, Mikrodaten; eigene Auswertung

Auch diese Zahl ist zweischneidig. Sie ist eine Untergrenze: In der Slowakei und in Tschechien werden Kinder früh nach Leistung auf Schulformen verteilt, und praktische oder Sonderschulen nehmen gerade schwache Schüler auf. Vergleicht man nur innerhalb der Schule, rechnet man diese Auslese mit heraus. Umgekehrt ist der rohe Abstand eine Obergrenze für das, was am einzelnen Kind liegt, weil er Schulqualität und Segregation mit einschließt. Die Wahrheit liegt in der Slowakei irgendwo zwischen 43 und 142 Punkten, also zwischen etwa 7 und 22 IQ-Punkten.

Bulgarien ist dabei der interessante Gegenfall. Dort schneiden arme Kinder der Mehrheit genauso schwach ab wie Roma-Kinder, im ärmsten Band sogar schlechter (342 gegenüber 367). In derselben Schule ist der Abstand fast verschwunden. Das spricht dafür, dass der Abstand dort weitgehend eine Frage von Armut und Schulen ist, mit der Einschränkung, dass die bulgarische Kategorie nicht sicher nur Roma umfasst. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Kertesi und Kézdi (2011) für Ungarn: Mit ausführlichen Angaben zu Gesundheit, Erziehung und Schule verschwand der Abstand im Lesen ganz, in Mathematik blieb ein Siebtel einer Standardabweichung.

Inzucht und Genetik

Zwei weitere Erklärungen werden oft genannt, meist ohne Zahlen.

Verwandtenehen sind unter Roma häufig. Bei andalusischen Gitanos waren zwischen 1925 und 2006 54,8 % der Ehen blutsverwandt (Gamella 2020), mit einem mittleren Inzuchtkoeffizienten von 0,0148. Kinder von Cousins ersten Grades (Koeffizient 0,0625) verlieren nach der besten genetischen Studie (Howrigan u. a. 2016) etwa 0,6 Standardabweichungen, rund 9 IQ-Punkte. Auf die ganze Gruppe umgelegt ergibt das etwa 2,1 IQ-Punkte. Das ist ein messbarer, aber kleiner Teil eines Abstands von 15 bis 20 Punkten. Er ist in den Schul- und Statuszahlen oben nicht enthalten.

Genetische Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten selbst lassen sich mit diesen Daten weder nachweisen noch ausschließen. Die Roma gehen auf eine kleine Gründerpopulation aus dem Nordwesten Indiens zurück, die vor etwa 1.500 Jahren abwanderte (Mendizabal u. a. 2012). Das erklärt die Häufung bestimmter Erbkrankheiten. Für Intelligenz gibt es keine Studie, die das bei Roma geprüft hätte, und polygene Werte lassen sich zwischen Abstammungsgruppen bisher nicht verlässlich vergleichen. Wer eine genetische Ursache behauptet, stützt sich auf eine Vermutung. Wer sie ausschließt, ebenso.

Was sich sagen lässt: Nach Elternhaus und Schule bleibt in der Slowakei ein Abstand von etwa 7 IQ-Punkten. Das ist die Größenordnung, um die es bei allen verbleibenden Erklärungen zusammen geht: Sprache, Benachteiligung, Inzucht, Messfehler und mögliche genetische Faktoren. Wegen der frühen Aufteilung auf Schulformen kann der wahre Rest etwas größer sein.

Was die Daten nicht zeigen können

  • Romani als Familiensprache ist nicht dasselbe wie Roma. Die Gruppe umfasst eher die ärmsten und am wenigsten assimilierten Familien. Für alle Roma liegt der Abstand vermutlich niedriger.
  • Die Schwächsten fehlen. Schulabbrecher, Kinder unter Klasse 7 und Teile der Sonderschüler sind in PISA nicht oder kaum vertreten. Nach der EU-Grundrechteagentur verlassen 71 % der jungen Roma die Schule vorzeitig. Für alle 15-jährigen Roma läge der Abstand deshalb eher höher.
  • PISA ist kein Intelligenztest. Gemessen werden Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften, in der Landessprache. Für Kinder, die zu Hause Romani sprechen, ist das auch ein Sprachtest.
  • Keine Daten zu Deutschland. Deutschland weist in PISA keine Romani-Kategorie aus. Für Sinti und Roma in Deutschland lässt sich aus diesen Daten nichts ableiten.
  • Kleine Gruppen. Außerhalb der Slowakei und Bulgariens beruhen die Werte auf 90 bis 260 Schülern aus mehreren Runden; die Unsicherheit ist entsprechend groß.

Selbst nachsehen

Die Grafiken führen per Klick ins Diagramm-Studio. Dort lassen sich weitere Länder und Sprachgruppen vergleichen:

Quellen: Rushton, Čvorović & Bons (2007), Intelligence 35, 1–12; Čvorović & Lynn (2014), Mankind Quarterly 54, 434–446; Dolean & Călugăr (2020), Frontiers in Psychology 11:2000; Kertesi & Kézdi (2011), American Economic Review P&P 101, 519–525; Bakalář (2004), Mankind Quarterly 44, 291–300; Mitjavila Casanovas (2005), Dissertation, Universidad Complutense Madrid; Gamella (2020), Journal of Biosocial Science 52, 809–831; Howrigan u. a. (2016), Molecular Psychiatry 21, 837–843; Mendizabal u. a. (2012), Current Biology 22, 2342–2349; EGMR, D.H. u. a. gegen Tschechien, Nr. 57325/00 (2007); FRA, Roma Survey 2021 (2022).

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